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Interview

Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholkranken - Al-Anon Familiengruppe in Siegburg

Sucht hat viele Ausprägungen: der Suchtbaum auf der Suchtausstellung in Hennef

Es ist kalt an diesem Mittwochabend im Februar in Siegburg-Brückberg. Gegenüber der JVA strahlt warmes gelbes Licht aus den Räumlichkeiten der Erlöserkirche auf den Bürgersteig. Hier treffen sich jeden Mittwochabend die Mitglieder der Al-Anon Familiengruppe. Al-Anon richtet sich ausschließlich an Angehörige und Freunde von Alkoholikern.
Elisabeth und Petra finden seit Jahren Hilfe und Unterstützung in der Selbsthilfegruppe.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Wenn man vom Problem Alkohol spricht, dann hat man oft nur die Betroffenen im Blick. Mit welchen Problemen haben die Angehörigen zu kämpfen?

Elisabeth:
Der Alkoholiker wird ein ganz anderer Mensch, sein Charakter verändert sich. Er ist – je nach Stadium – boshaft und aggressiv, wankelmütig und vergesslich. Und das ist so schlimm für die Angehörigen.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Gibt es für Angehörige überhaupt eine Möglichkeit, den Betroffenen zu helfen? Eigentlich muss ja das Ziel sein, dass der Alkoholiker trocken wird. Aber: geht das überhaupt?

Petra:
Wenn der Angehörige gelernt hat, dass er dem Alkoholiker sein Leben lassen muss und sich aus diesem zurückziehen muss, dann hat der Alkoholiker eine Chance trocken zu werden. Solange der Angehörige alles mitmacht, bleibt der Alkoholiker immer nass.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Ihr bezeichnet euch als „co-abhängig“. Was ist Co-Abhängigkeit?

Elisabeth:
Der Angehörige hat Angst vor den unberechenbaren Stimmungen des Süchtigen. Der Angehörige will Frieden, der will Harmonie und ein normales Alltagsleben. Der Angehörige versucht, dem Alkoholiker alles Recht zu machen, um Reibungspunkte zu vermeiden.

Petra:
Der Angehörige wird krank durch das Verhalten des Alkoholikers, weil er sich nicht mehr wehren kann dagegen. Der Angehörige meint, dass das, was da passiert, sei das Normale.
Ich konnte nicht mehr real denken, wie andere. Ich ließ mich beleidigen, ich ließ mich verletzen, und bin trotzdem nicht aus der Beziehung rausgegangen.
Du weißt nicht mehr, wem du trauen kannst. Bei mir war zum Beispiel Geld aus dem Portemonnaie verschwunden. Und wenn ich dann gefragt habe „Gestern hatte ich hier noch 100 Euro, wo ist das Geld hin?“, dann ist er absolut aufbrausend geworden. Dann habe ich den Kindern die Schuld gegeben und mein Partner hat das geschehen lassen, dass die Kinder für ihn die Schuld übernehmen. Das hat mich krankgemacht, dass ich nicht wusste, wem ich noch trauen kann… Heute weiß ich: ich hätte meinen Kindern glauben müssen, aber das ist nun zu spät…

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Wie können sich Angehörige schützen? Wie haben Sie irgendwann verstanden: „Das kann ich so nicht mehr mitmachen, sonst wird es nicht gut enden mit mir…“?

Elisabeth:
Wenn der Angehörige ganz unten ist, dann gibt es die Gruppen und in den Gruppen lernt man, mit den Situationen anders umzugehen. Das ist, was ich hier gelernt habe: wenn die Zeit reif ist, weiß man auch, was man machen muss.

Selbsthilfe-Kontakstelle:
Warum ist die Anonymität bei Al-Anon so wichtig?

Elisabeth:
Weil kein Mensch sonst so viel und so genau erzählen würden. Man kommt hier hin mit einem sehr großen Schamgefühl, weil man das ja alles für nicht normal hält. Die Außenwelt reagiert da komisch drauf, das merkt man. Also traut man sich nicht, diese Dinge zu erzählen. Und die Anonymität gibt einem den Schutz und die Geborgenheit.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Sie haben in Ihren Gruppetreffen eine festgelegte Vorgehensweise: es gibt die Präambel, die Traditionen, die Dienstgrundsätze. Warum ist das so?

Elisabeth:
Das ist eine Struktur, die wir von Amerika von den Al-Anons übernommen haben. Auch die Bücher werden ins Deutsche übersetzt. Da gibt es ganz klare Linien und der Erfolg hat sich drüben wohl schon ganz früh eingestellt, das ist auch drüben entstanden, und ist dann zu uns gekommen und ist eigentlich weltweit geworden.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Es ist von Gott die Rede bzw. von einer spirituellen Kraft. Was ist genau damit gemeint?

Petra:
Es gibt die höhere Macht, damit der Angehörige lernt, sich zurückzusetzen. Egal, was das ist. Hauptsache, er setzt etwas über sich, an das er abgeben kann, damit er sich abgewöhnt immer selber „lieber Gott“ zu spielen. Das hat einen psychologischen Effekt für mich und hat nichts mit einer Religion zu tun.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Wie schaffen Sie das, dass die Teilnehmer aus der Gruppe etwas Positives mitnehmen können?

Elisabeth:
Das ist unsere Struktur. Wir gehen freundlich auf neu ankommende Menschen zu, wir versuchen aber so ganz langsam Struktur reinzukriegen. Durch den festgelegten Verlauf und durch das Zuhören, dadurch kommt so ein Wohlfühleffekt. Ich glaube, das ist wichtig.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Sie haben vor einigen Jahren die Beziehung mit dem Alkoholiker beendet. Warum sind Sie noch hier? Man könnte sagen: „Das Problem hat sich erledigt…“. Was sind Ihre Motive, dass Sie weiterhin jede Woche herkommen?

Elisabeth:
Ich glaube, das Problem erledigt sich nie. Die Erfahrungen sind so tiefgegangen, dass ich mich durch die Gruppe zwar stärken konnte, aber ganz verschwindet das nie. Wenn ich das nicht machen würde, würde ich wieder ganz schnell wieder ganz verletzlich.

Petra:
Co-Abhängigkeit ist eine Krankheit und wir kurieren unsere Krankheiten hier an den Tischen, wo wir unsere Meetings durchführen und ich finde, das sind zwei Stunden gute Medizin. Das ist ein Lebensprogramm.


Der regelmäßige Besuch der Selbsthilfegruppen verhilft zu einer veränderten Sicht- und Denkweise über die Familienkrankheit Alkoholismus. Angehörige erkennen, dass sie als Familienmitglieder, Partner, Kinder oder Freunde schuldlos sind und das Trinken des Alkoholikers nicht stoppen können, egal wie sehr sie sich anstrengen, den Alkoholkonsum zu kontrollieren. Sie lernen, ihr eigenes vernachlässigtes Leben wieder in die Hand zu nehmen, statt sich weiterhin auf das des Alkoholikers zu konzentrieren.
Der Name „Al-Anon Familiengruppen“ leitet sich ab von „Alcoholics Anonymous Family Groups“. Al-Anon ist eine Gruppierung der Anonymen Alkoholiker. Die Gruppentreffen richten sich nach den Zwölf Schritten.

Die Al-Anon Familiengruppe trifft sich jeden Mittwochabend ab 19.30 Uhr in der Erlöserkirche, Jahnstraße 4, 53721 Siegburg. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Petra beantwortet gerne Ihre Fragen im Vorfeld: 0176 / 55 45 11 98. Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.al-anon.de

 

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